Allgemein

Meine leidenschaftliche Hinwendung zu Algen begann schon sehr früh. 40 Jahre ist es nun her, dass ich zum ersten Mal Algen kultivierte. Um aber Irrtümern vorzubeugen: Meine vier Jahrzehnte andauernde Liaison mit dieser vielgestaltigen Gruppe der Urpflanzen muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass ich inzwischen im Rentenalter sei. Weit gefehlt, denn ich erklärte bereits in der 3. Schulklasse meiner Lehrerin und den Mitschülern, die meinem Kurzvortrag über diese faszinierenden Gewächse mit bestenfalls mittelmäßiger Aufmerksamkeit gelauscht hatten, mit großer Entschlossenheit und ernster Miene, dass ich später beruflich einmal "etwas mit Algen machen" wolle. Das konnte meine Lehrerin damals weit weniger beeindrucken, als ich mir gewünscht hatte - sie hielt diese Entscheidung für sehr verfrüht.

 

 

 

Attraktion

Wer kennt nicht die Berufsträumereien der Drittklässler: Feuerwehrmann, Eisenbahner, Pilot oder Ähnliches. Ich wollte eben "etwas mit Algen machen", Punktum. Mich faszinierte es, dass sie in einem einfachen Wasserglas auf der Fensterbank "aus dem Nichts" wuchsen und auf der Wand des Glases einen grünen Belag erzeugten. Und wer meine Algenbegeisterung damals für eine Kinderträumerei hielt, der hat meine Beharrlichkeit massiv unterschätzt, denn fortan befasste ich mich kontinuierlich mit Algen.

 

Antipol des Urknall

Ich studierte Biologie, promovierte mit einem algenbezogenen Thema und begann anschließend mit einer beruflichen Tätigkeit, in deren Mittelpunkt Algen standen. So weit, so gut. Aber wie kommt man nun von Algen auf die Malerei?

Das ist eigentlich ganz einfach. Bei einem Experiment im Institutsgarten der Kölner Universität, bei dem eine besondere Art der Algenkultur untersucht werden sollte, gab es immer ungewollte Kontaminationen meiner Nachzuchtalge mit anderen Arten.

Ahnen

.Das Ergebnis waren bunt gemischte Kulturen, für das Experiment jedes Mal ein Rückschlag, aber hübsch anzuschauen, weil sich einzelne farblich unterschiedliche Zonen bildeten. Irgendwann kam unserer Förderin, Frau Dr. Dadja Altenburg-Kohl, die Idee, ich solle daraus Bilder machen. Als Kunst wollte ich das zunächst freilich nicht bezeichnen, denn als Wissenschaftler ist man da ein bisschen zäh. Doch mein Großvater war Kunstmaler, und mein Vater ebenfalls. Das prägt natürlich, und irgendwann haben sich wohl auch in mir künstlerische Ambitionen Bahn gebrochen. Meine Hemmungen, von Kunst zu sprechen, ließen bald erkennbar nach, und ich begann, mit den Algen gezielt Bilder herzustellen. Irgendwie spürte ich intuitiv, dass ich nun das gefunden hatte, was ich mein ganzes Leben lang gesucht hatte: "Etwas mit Algen zu machen", im direktesten Wortsinne.

Spuren

Schon immer wollte ich mit diesen Algen irgendetwas erzeugen, etwas Greifbares, das die Algen den Menschen näher bringt, sie zu einem Teil ihres Lebens macht, wenngleich auch nicht in der natürlichen Erscheinungsform.

Heute, drei Jahre nach den ersten Zufallsbildern, die eigentlich die Algen durch unbeabsichtigte Kontamination selbst gemalt hatten, habe ich allerlei Techniken entwickelt und kann die Algen wie Farbpigmente gezielt einsetzen. Sie sind erstaunlich widerstandsfähig gegenüber Sonnenlicht und großer Hitze. Einige Proben aus meiner wissenschaftlichen Zeit liegen schon sechs Jahre in einem Gewächshaus, unter kräftiger Sonneneinstrahlung, ohne durch die UV-Strahlung erkennbar Schaden genommen zu haben (während Kunststoffgegenstände wie Wäscheklammern unter den gleichen Bedingungen in kurzer Zeit ausbleichten und brüchig wurden).

Spur der Voegel

Diese Form der Kunst gründet auf dem natürlichen Phänomen des Lebens, auf die Sonne zu reagieren und ihre Kraft einzufangen. Dies ist ein primäres Prinzip, das die Existenz auf der Erde ermöglicht. Der Energiefluss des Sonnenlichtes durchzieht alle Lebewesen, direkt oder indirekt. Am Beginn steht immer die Farbe als Empfänger des Lichtes (photosynthetisches Assimilationspigment), und darauf folgt ein Stoffwechsel (Photosynthese). Die ersten Anfänge liegen über drei Milliarden Jahre zurück. Zu dieser Zeit gelang dem Leben erstmals der Wechsel von innerirdischer zu außerirdischer Energie. Kleine Algen entwickelten die Fähigkeit, mit ihren Farbpigmenten die Sonnenstrahlen aufzunehmen und ihre Energie auf Wasser zu übertragen.

Vor der Urzeit


Dadurch trennten sich die zwei Elemente Wasserstoff und Sauerstoff, die vorher zusammen und neutral waren. Es entstand eine Spannung, die den ersten Schritt im Energiefluss darstellte. Diese Aktivität der Algen spüren wir alle täglich, wenn wir atmen, denn durch sie entstand eine Atmosphäre mit Sauerstoff - die Basis hoher entwickelten Lebens. Später bildete sich dadurch die schützende Ozonschicht, die gewebeschädigende Ultraviolettstrahlung von der Erde fern hält und höher organisiertes Leben auf diesem Planeten überhaupt erst möglich macht. Auch heute werden ständig 45 % des atmosphärischen Sauerstoffs von Algen erzeugt.

Libelle

Die Algen sind ein urzeitliches Initial für das Leben auf der Erde. Dabei besitzen einige zu dem Grün der späteren Pflanzen (Chlorophyll) auch noch Blau und Rot (Photosynthese-Hilfspigmente). So können sie das gesamte Strahlungsspektrum der Sonne einfangen, wie es auch immer auf die Erde ankam und ankommt.

Diese Algen und ihre Pigmente werden in der KUNST MIT ALGEN eingesetzt. Darin verbindet sich die menschliche Kultur mit den Anfängen des Lebens von vor mehr als drei Milliarden Jahren. Die schöpferische Kraft der Natur vereint sich in diesen Bildern mit der gestalterischen Kraft des Menschen und schafft dadurch ein Sinnbild der gegenseitigen Abhängigkeit alles Lebendigen.

Sicht eines Krokodils


Das enorme Interesse vieler Zeitgenossen an meiner Kunst mit Algen (das mich anfangs sehr erstaunt hat), ermutigte mich dazu, den beruflichen Wechsel von der Wissenschaft zur Kunst vorzubereiten. Ich werde also künftig - nach wie vor - etwas "mit Algen machen", doch dabei diesen uralten Geschöpfen nicht mehr als Forscher begegnen, sondern als Kunstmaler.

 

Dr. Ingo Botho Reize