Futter

Wer Zwergbuntbarsche zu seinen bevorzugten Pfleglingen zählt und möchte, dass diese sich auch ab und an erfolgreich vermehren, für den sind sie unerlässlich: diverse Kleintiere aus den Klassen Rotatoria, Crustacea und Insecta. Erfolgreich vermehren heißt hierbei, sie nicht nur zur Fortpflanzung zu bringen. Es heißt auch, ihre Nachkommen vier bis sechs Monate lang so zu ernähren, dass sie sich entsprechend dem Vorbild ihrer Eltern selbst wieder fortpflanzen. Um diese "natürliche" Reproduktion nachzuvollziehen, glauben viele, ausschließlich mit Salzkrebschen (Artemien) oder deren Nauplien auszukommen.

 

Abgesehen von der Einseitigkeit einer solchen Ernährung taugt sie wohl nur als Erstnahrung für jene Zeit, bis geeignetes Tümpelplankton zur Verfügung steht. Später wird es auch immer mehr zu einer Kostenfrage, wenn es Monate dauert, bis die Verkaufsgröße erreicht ist. Zudem gibt es Erfahrungen aus Fischzuchtbetrieben, dass Salmleraufzuchten ohne Tümpelplankton nur recht bescheidene Ausfärbungen erreichen. Von südamerikanischen Zwergbuntbarschen ist dies längst bekannt.

Also heißt es, sich umschauen nach Lösungswegen, die zumindest auf der Hobby-Strecke nach Ersatzlösungen sucht. Ersatzlösungen für eine geeignete Ernährung, die nicht nur aus Artemia-Nauplien, vielleicht noch aus Essigälchen besteht. Beste Wachstumsraten vom Freischwimmen an, quasi als Startfutter sind mit Rädertierchen der Klasse Rotatoria zu erzielen.

 

Rädertiere
Diese äußerst artenreiche Gruppe umfasst mehr als 2.000 Arten, von denen die Mehrzahl im Süßwasser lebt. Allein in Mitteleuropa sind an die 1.330 Arten bekannt. Rädertiere leben in nahezu allen stehenden oder langsam fließenden Gewässern, kommen aber auch in feuchten Lebensräumen wie z. B. Moospolstern vor. Ihre Größe liegt in der Regel zwischen einem Dreißigstel und zwei Millimetern. In diversen Lebensräumen schwimmen sie mittels ihres Räderorgans frei im Medium, worin sie auch ihre Nahrung (Planktonalgen/Detritus) finden. Neben einigen Besonderheiten in ihrem Zellaufbau verfügen sie auch über die erstaunliche Fähigkeit, sowohl völlige Austrocknung als auch Temperaturen von -250 °C bis +78 °C zu überdauern, um nach einsetzender Durchfeuchtung wieder aktiv zu werden.

Besonders reiche Fangausbeute lässt sich vor allem im Sommer in nährstoffreichen stehenden Gewässern erzielen. Vorausgesetzt man verfügt über ein entsprechendes Netz aus feinstem Gewebe. Wegen seiner außerordentlichen Dichte ist dieses oft nur schöpfend zu gebrauchen. In der Brauchbarkeit als Startfutter für kleinste Jungfische, z. B. für winzige Salmler oder Labyrinthfische, werden Rädertiere durch nichts übertroffen. Vor allem wegen der Besonderheit, dass sie stets in ihrer Endgröße vorkommen, also keinem Wachstum unterliegen, wie z. B. Cyclopideae oder deren Nauplien.

Rädertiere vermehren sich auch durch Parthogenese (Jungfernzeugung), wobei sich die Eier ohne Befruchtung entwickeln. Das aus dem Ei schlüpfende Jungtier besitzt bereits seine endgültige Zahl an Körperzellen (etwa 1.000) ohne Wachstum!

Crustacea
Ähnlich bedeutsam wie wertvoll sind diverse Krebstiere (Anthropoda) der Klasse Crustacea. Auf der Erde leben etwa 40.000 Arten. Die Mehrzahl von ihnen lebt jedoch in den Meeren. Eine nicht näher bekannte Zahl von Arten ist auch im Süßwasser vertreten.

Hauptmerkmale:

- Zwei Paar Fühler (Antennen)

- Atmung mittels Kiemen

- Gliederung des Körpers in Kopf, Brust und Hinterleib. So besitzen Muschelkrebse sechs oder sieben Extremitätenpaare (Kiemenfüßer aber mehr als 60 Beinpaare.

Entsprechend einer imaginären Rangordnung in der Wertigkeit stehen die Kleinkrebse der Familie Cyclopoideae ebenfalls an wichtiger Stelle. Diese Kleinkrebse zählen im Gegensatz zu Calanoida nicht zu den Filtrierern, sondern sind so genannte "Schwimmer" mit deutlich kürzeren Antennen. Ihre Fortbewegung erfolgt durch rhythmisches Schlagen des ersten Antennenpaares. Lebensräume sind die Ufer- und Freiwasserzonen nährstoffreicher stehender Gewässer. Die Ernährung ist meist räuberisch, zuweilen auch rein vegetarisch, wobei die aufgenommene Nahrung auch die Färbung der Kleinkrebse bestimmt. Sie reicht im Jahreslauf von Grün im Frühjahr und Sommer bis Rotbraun im Herbst oder tiefes Schwarz im Winter (z. B. unter dem Eis) je nach den vorherrschenden ökologischen Bedingungen im Lebensraum. Besonders starke Populationen existieren in nahezu fischfreien Gewässern von November bis April.

Ungeklärt bleibt weiterhin, ob die Färbung der paarig angelegten Eiersäcke bei Weibchen einen Artstatus erlaubt. Bisher konnte beobachtet werden, dass darin enorme Unterschiede bestehen. So gibt es Fälle, dass saisonal ausgebildete Eipakete in verschiedenen Färbungen im gleichen Gewässer beobachtet werden. Insgesamt sind etwa 120 Arten in Europa bekannt. Die winzigen Nachkommen sowohl von Cyclopodidae als auch Calanoida sind eine vorzügliche Erstnahrung für die Fischbrut. Die Vermehrung dieses Plankton erfolgt immer getrenntgeschlechtlich durch befruchtete Eier. Je nach Jahreszeit bilden z. B. Cyclopoida verschieden angelegte Eier aus:

- Spontaneier: Entwicklungsbeginn sofort nach Befruchtung

- Dauereier: Entwicklung nach einer Ruheperiode im Sommer

Calanoida
Calanoiden planktonisch lebende Krebstiere mit der Körperform eines im Wasser schwebenden "T". Diese "Schweber" sind echte Filtrierer, die sich überwiegend von Kieselalgen ernähren. Männchen und Weibchen haben breite Antennen. Dabei tragen aber nur die Weibchen ein Behältnis, in dem die befruchteten Eier heranreifen. Lebensräume dieser Kleinkrebse sind klare Waldtümpel, wo sie oft zusammen mit der Büschelmücke (Caoborus) vorkommen. Calanoiden sind mit etwa 90 Arten in Europa verbreitet.

Moina brachiata
Der so genannte "Kugelwasserfloh" tritt überwiegend in den Sommermonaten auf.

Er ist ein typischer Bewohner von Abwasserteichen der Landwirtschaft. Sonnenexponierte Lagen sind dort sein Hauptvorkommensbereich. Die Nahrung besteht aus planktonischen Algen (Phytoplankton). Moina brachiata lässt sich gut hältern und ist eine vorzügliche Nahrung für größere und kleinere Fische.

Eintagsfliegen (Ordnung Ephemoptera)
Die Eintagsfliegen sind seit etwa 300 Millionen Jahren bekannt und zählen zu den ursprünglichsten geflügelten Insekten. Weltweit kennen wir ungefähr 2.000 Arten. In Anpassung an unterschiedliche Gewässertypen ist die Lebensweise der Larven sehr verschieden. Einmal gibt es grabende Arten, die sich in langsam fließenden Gewässern oder in der Uferregion von Seen in das schlammige Substrat eingraben. Schwimmende Arten (z. B. Cloeon) finden sich meist in stehenden Gewässern. Diese Formen schwimmen durch Auf- und Abschlagen des Hinterleibs, wobei die dicht behaarten Schwanzfäden eine wichtige Rolle bei der Fortbewegung spielen. Man findet diese Arten aber auch oft auf Wasserpflanzen ruhend. Eine weitere Gruppe bewohnt schnell fließende Bäche; diese Larven (z. B. Epeorus) sitzen oft auf der Unterseite von Steinen, können sich daher durch ihre abgeflachte Körperform sehr eng an das Substrat anschmiegen und so der Strömung widerstehen. Die Nahrung der Eintagsfliegen besteht überwiegend aus pflanzlichem und tierischem Detritus, ferner Algenbewuchs auf Steinen und höheren Wasserpflanzen. Mit vorhandenen Tracheenkiemen wird in rhythmisch schneller Schlagfolge sauerstoffreiches Wasser herangeführt. Die Eintagsfliegen sind heute erheblich gefährdet. Von den 81 in der Bundesrepublik ursprünglich vorkommenden Arten sind fünf ausgestorben, 14 vom Aussterben bedroht, 18 stark gefährdet und acht potenziell gefährdet. Ursache dafür ist die Gefährdung durch Abwasserbelastung der Lebensräume, der Aufstau von Bächen und in neuerer Zeit auch deren Versauerung unter pH 5,5! Larven der meisten Arten benötigen eine hohe Sauerstoffsättigung und relativ niedrige gleich bleibende Wassertemperatur.

Wegen seiner außerordentlichen Schadstoffbelastung sei noch auf das "klassische" Lebendfutter aus der Familie Tubificidae hingewiesen: Der Schlammröhrenwurm (Tubifex tubifex) erreicht eine Länge von 15 bis 85 mm. Seine Färbung wird durch den Blutfarbstoff Haemoglobin verursacht und ist vor allem am Rückenblutgefäß des Wurmes durchscheinend erkennbar. Lebensräume sind stark bis übermäßig belastete Gewässer. Darin lebt er in Schlammröhren, aus dem sein Hinterende herausragt. Die Atmung erfolgt über den Enddarm, der sich dabei schlängelnd bewegt. Tubifex ziehen sich bei Erschütterung und Lichtreizen blitzschnell zurück und überleben im Uferschlamm oft extreme Schadstoffbelastung ebenso wie Sauerstoffentzug. Zuweilen leben oft mehrere 100.000 Individuen/m2.

Unter ähnlichen Bedingungen kann auch nicht selten Limnodrilus hoffmeisteri zusammen mit Tubifex vorkommen. Dieser Wurm erreicht jedoch nur 50 mm Länge und ist von gleicher Färbung. In der Aquaristik ist das Salzkrebschen (Artemia sp.) sehr verbreitet Artemien existieren noch bei Salzgehalten von 4 % bis 40 % und bilden Dauereier, die jahrelange Austrocknung überstehen können.

Lothar Zenner