Meerwasserfische

Beobachtungen an einem tropischen Plattfisch im Meerwasseraquarium.

Vor gut einem Jahr erwarb ich einen ca. 8 cm langen tropischen Plattfisch. Vermutlich handelt es sich dabei um eine Bothus oder Pseudorhombus-Art. Der Händler sprach zwar von einer tropischen Flunder, aber Flundern haben laut Literatur symmetrische unpaarige Rücken- und Afterflossen. Apropos Rücken ..... ?..... ?..... ? ...... wo ist denn der?

 

 

Plattfische fallen durch ihren asymmetrischen Körperbau auf. Sie schwimmen nicht auf dem Bauch, wie oft vermutet wird, sondern auf der Seite. Die Embryonen, aber auch die Larven sind noch symmetrisch gebaut. Erst im Laufe der Entwicklung wandert das eine Auge von der einen Kopfseite auf die andere hinüber. Die Kiemenspalten verengen und die paarigen Flossen verlängern sich. Die Körperlage ist artenspezifisch vorprogrammiert, aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

Die Rückenflosse beginnt unmittelbar am Maul und zieht sich bis zur Wurzel der recht kleinen Schwanzflosse. Der Rücken befindet sich also auf der rechten Seite, in Schwimmrichtung von oben betrachtet. Die paarigen Brustflossen befinden sich jeweils auf der Ober- und Unterseite unmittelbar hinter dem Kiemendeckel. Die Bauchflossen sind etwas versetzt zueinander angeordnet und lassen sich getrennt bewegen. Auf den ersten Blick scheinen die Bauchflossen mit der Afterflosse eine Einheit zu bilden. Der Bauch liegt folglich auf der linken Seite. Eine ganz schön verdrehte Angelegenheit. Alle Flossen sind sehr beweglich, so entsteht der Eindruck, dass der Fisch über den Bodengrund krabbelt.

Ein ebenso auffälliges Merkmal wie der Körperbau ist die Anpassungsfähigkeit der Scholle an ihre Umgebung, in der sie "unauffällig" bleibt. Im Gegensatz zur pigmentlosen "Unterseite" ist die "Oberseite" ein sich ständig in Farbe und Zeichnung verändernder Tarnanzug.
Ihr Anpassungsvermögen an die Umwelt ist phänomenal. Sie ist in der Lage, sich an fast jeden Untergrund anzupassen. Ob heller Korallensand grober oder feiner Körnung, Gemische aus Korallenbruch und Sand, helle und dunkle Sorten gemischt, alles kein Problem, der Plattfisch ist immer perfekt getarnt. Ja sogar Schatten von größeren Steinen oder Dekorationsmaterialien werden in die Tarnfärbung mit einbezogen. So ist eine Bestimmung der Art über die Färbung, wie auch bei meinem Exemplar, recht schwierig.
Bei drohender Gefahr verlässt sich der Plattfisch bis zum letzten Moment auf seine Tarnung. So bleibt der Fisch beim Hantieren im Aquarium oder Reinigen der Frontscheibe regungslos liegen. Unmittelbar vor, häufig aber auch erst bei einer Berührung, ergreift er die Flucht.
Wird die Gefahrenquelle „Pflegerhand" frühzeitig erkannt, verschwindet er durch schnelle Rüttelbewegungen unter dem Sand, und es schauen nur noch die Augen hervor. Die Augen stehen weit vom Körper ab und beobachten, ähnlich wie bei einem Chamäleon, unabhängig voneinander die Umgebung. Sie sind aber nicht so extrem beweglich. Auf den Augen befinden sich kleine, ca. 3-4 mm lange, sehr dünne „Antennen", deren Bedeutung ich aber nicht kenne. Nähert sich ein „Feind", werden auch die Stielaugen eingefahren, so dass sich keine Unebenheit mehr vom Boden abhebt. So ist der Plattfisch nur noch schwer für einen Fressfeind erkennbar, ja sogar der erfahrene Aquarianer hat Probleme beim "Flundersuchspiel".
Die Fressgewohnheiten sind typisch für einen Lauerjäger. Herantreibendes Futter wird angepeilt und fixiert. Die Augen führen den Körper automatisch nach und im richtigen Augenblick wird blitzschnell zugeschnappt. Wie die meisten am Boden lebenden Fischarten, haben auch Plattfische keine Schwimmblase. Beim Schwimmen im Freiwasser ist der ganze Körper beteiligt; es bedarf also größerer Kraftanstrengung. Hier nutzt er die Strömung im Meer, aber auch in unseren Aquarien geschickt aus. Der Fisch liegt mit dem Kopf in Strömungsrichtung flach auf dem Boden. Erspäht er herantreibende Futterstücke, wie Krill oder Mysis, stellt er sich auf die Flossenstrahlen des Kopfbereiches und hebt sich so vom Boden ab. Hierbei treten die sehr beweglichen Bauchflossen verstärkt in Aktion.

Ist das Futter in erreichbare Entfernung getrieben, hebt er die vordere Körperpartie leicht an und wird so von der Strömung, wie ein Vogel der mit Gegenwind startet, vom Boden abgehoben und schnellt so nach vorne. Oft lässt er aber auch das Futter passieren, dreht sich wie ein Luftkissenboot blitzschnell um die eigene Achse und jagt mit der Strömung dem Futter hinterher. So ist er in der Lage, mehrere auf gleicher Höhe treibende Futterbrocken nacheinander zu erhaschen. Man hat den Eindruck, der Fisch gleitet durch das Wasser; sehr zum Leidwesen der anderen Aquarieninsassen, wie einem gelben Segeldoktorfisch Zebrasoma scopas, der ja ein sehr gewandter Schwimmer ist. Er hat gegen "Flundi", wie ihn meine Tochter taufte, und dessen Sprintvermögen kaum eine Chance.
Gelegentlich saugt er sich mit seiner Unterseite an den Aquarienscheiben fest und „hängt` dort oft stundenlang regungslos herum. Nur ganz flache Bewegungen der Kiemendeckel sowie der Schwanz- und Afterflossenenden sind dann zu beobachten. Die Bewegung der Schwanz- und Afterflossenenden im Bereich des Schwanzes dienen der Ventilation des Wassers beim Atmen.
Zur Hälterung im Aquarium benötigt man für Plattfische viel Platz und große Sandflächen. Mit einer Wassertemperatur um 25 °C und einer Dichte von 1023 geben sie sich zufrieden. Zur Vergesellschaftung sollten nur ruhigere Fische ausgewählt werden. Auf kleine Arten, wie z.B. Neongrundeln oder Fische ähnlicher "Baugröße", muss verzichtet werden, da diese über kurz oder lang zur Erweiterung des Futterangebotes herangezogen werden. Auch Drückerfische halte ich ebenso wie große Lippfische auf Dauer für ungeeignet. Für eine Vergesellschaftung mit Wirbellosen Tieren sind Plattfische, wenn sie nicht zu groß sind, durchaus geeignet. Ich konnte bisher keine negativen Erfahrungen sammeln. Selbst bei der wilden Jagd nach Futter werden die Wirbellosen weder berührt, noch behelligt. Auch konnte ich nicht beobachten, dass er sich auf mit Wirbellosen bewachsenen Steinen niederließ.

An das Futter stellt "Flundi" keine Ansprüche. Außer Trockenfutter nimmt der Fisch gierig alles was er kriegen kann: Mysis, Krill, Artemia, Mückenlarven in allen Variationen, Wasserflöhe, Rinderherz, aber auch kleine Stinte von 2 - 3 cm Länge. Eben alles, was in das verhältnismäßig große Maul hinein passt. Nach einer Eingewöhnungszeit nahm meine Flunder das Futter auch freischwimmend an. Jetzt wird sogar an der Wasseroberfläche nach Futter geschnappt.
Das Aquarium muss unbedingt abgedeckt werden, denn der Fisch ist ein ausgezeichneter Springer. Dies musste ein befreundeter Aquarianer erfahren. Durch eine kreisrunde Öffnung in der Abdeckung sprang sein Fisch in die vermeintliche Freiheit und verendete.
Ich kann die Hälterung von Plattfischen nur empfehlen, wenn das Platzangebot und die Gestaltung des Lebensraumes zur Lebensweise dieser ungewöhnlichen, aber sehr interessanten Fischart passen.

Ralf Balven