Meerwasserfische

Zu einem "salzigen" Vereinsabend konnten wir Joachim Großkopf aus Nürnberg begrüßen.

 

Für Meerwasser-Aquarianer ist er kein Unbekannter, hat er doch mit seinem Buch "Das Korallenriff im Wohnzimmer" zu einer Belebung der modernen Meerwasser-Aquaristik viel beigetragen. Sein Hauptinteresse gilt den Meeresfischen und hier speziell der Ermittlung der Voraussetzungen für deren erfolgreiche Zucht.

 

Das Thema gab mir Gelegenheit, als Vorspann zum eigentlichen Vortrag über Besonderheiten der "Geschlechter" von Meeresfischen kurz zu referieren. Nun, bei den meisten Meeresfischen ist das Geschlecht nicht von Geburt an auf Lebenszeit festgelegt. Es gibt protogyne und protandrische Hermaphroditen und auch Simultanhermaphroditen. Was verbirgt sich hinter diesen so kompliziert klingenden Fachbegriffen? Zunächst gilt es die Begriffe zu verdeutschen: proteron (gr.) = früher, vorher; gynos (gr.) = Weib; andros (gr.) = Mann; Hermaphrodit = Zusammensetzung aus Hermes (Götterbote) und Aphrodite (Göttin der Liebe); ein Hermaphrodit ist also ein Zwitter.Ein protogyner Hermaphrodit ist ein Männchen, das vorher Weibchen war, und ein protandrischer Hermaphrodit ein Weibchen, das vorher Männchen war. Die Geschlechtsumwandlung ist dann aber nicht mehr rückgängig zu machen.

Ein Simultanhermaphrodit ist Männchen und Weibchen zugleich (simul, lat. = gleichzeitig). Bei Meeresfischen, die in einem sogenannten Harem (ein Männchen, mehrere Weibchen) leben wie z. B. Fahnenbarsche, kommt der protogyne Hermaphrodit vor. Hier wandelt sich nur das stärkste Weibchen zum Männchen und stirbt dieses, übernimmt das nächst stärkste Weibchen die Rolle des Paschas und ändert sein Geschlecht.

Bei Anemonenfischen ist das Gegenteil der Fall. Bei ihnen wandelt sich das stärkste Männchen zum Weibchen. Es handelt sich bei ihnen also um protandrische Hermaphroditen. Bei vielen solitär (einzeln) lebenden Meeresfischen ist der Simultanhermaphrodit das Non plus Ultra. Treffen sich zur Fortpflanzungszeit in der Weite des Meeres zwei Fische, so wäre es fatal für die Arterhaltung, wenn beide das gleiche Geschlecht hätten. Als Simultanhermaphroditen einigen sich die beiden aber nach kurzer Zeit nach dem Motto: "Ich spiele zuerst das Weibchen und lege meine ab Eier, die du befruchtest, dann spielst du Weibchen, legst deine Eier ab, die ich dann befruchte." So machen das z. B. Zackenbarsche.

Nach diesem "gehaltvollen" Vorspann konnten dann die Lichter ausgehen und Joachim Großkopf begann seinen Vortrag "Die Zucht von Meeresfischen"

Um es gleich zu sagen, ich habe noch nie einen Vortrag gehört, in dem über Zuchtversuche bzw. erfolgreiche Zuchten so vieler verschiedener Fischgruppen des Meeres berichtet wurde.

Was Joachim Großkopf alles anstellte, dem Geheimnis der Zucht auf die Spur zu kommen, war schon atemberaubend. Er zeigte uns Herzogfische, die zum Ablaichen zur Wasseroberfläche aufsteigen. Beim Aufsteigen synchronisiert sich das Paar so exzellent, dass das Ausstoßen der Geschlechtsprodukte zum genau gleichen Zeitpunkt erfolgt. Gelänge das nicht, wären die Eier im Meer schon verdriftet, bevor das Sperma sie erreicht oder umgekehrt. Da die Wassersäule im Aquarium nur wenige Zentimeter hoch ist, muss das Paar viele Male "Anlauf" nehmen. Das kann Stunden, ja Tage dauern, bis schließlich abgelaicht wird. Im Meer muss das nach einem schnellen Anlauf klappen, denn kleine Fische im Freiwasser sind eine willkommene Beute für Räuber.

Leierfische steigen auch zur Wasseroberfläche hoch, das aber in aller Gemütsruhe. Ihre Schleimhaut ist leicht giftig und auch wohl übelschmeckend. Sie werden daher in Ruhe gelassen. Warum steigen die Fische zum Ablaichen zur Oberfläche? Nun, die Eier, Larven und später auch die Jungfische leben planktonisch und haben so die Chance, in andere Riffbereiche oder Riffe verdriftet zu werden. Das erhöht die Möglichkeit einer weiteren Verbreitung der Art. Die Eier, Larven und Jungfische, Joachim Großkopf zeigte uns von Herzogfischen Mikroskopaufnahmen davon, besitzen ein Ölkügelchen. Damit können sie ohne aktive Schwimmbewegungen im Wasser schweben.

Die Aufzucht planktonisch lebender Jungfische ist äußerst schwierig, wenn man nicht weiß, welches Futter sie aufnehmen. Es reicht nicht zu wissen, dass es z. B. Ruderfußkrebse (Copepoden) sind, sondern man muss herausfinden, welche Copepoden-Art.

Am Beispiel von Seepferdchen zeigte uns Joachim Großkopf, dass bestimmte Arten Artemia-Nauplien aufnehmen, andere dagegen aber nicht. Und bei denen, die Artemia-Nauplien aufnehmen, ist auch noch nicht sicher, dass die Artemien auch verdaut werden. Es kann nämlich vorkommen, dass die Artemien nach der Darmpassage hinten so herauskommen, wie sie vorne aufgenommen wurden, und fröhlich weiter schwimmen.

Es gibt unter den Meeresfischen auch etliche Arten, die auf einem Stein ablaichen und das Gelege bis zum Schlupf der Larven bewachen, z. B. Riffbarsche der Gattungen Chromis und Cgrysiptera sowie Zwergbarsche der Gattung Pseudochromis. Tatsächlich ist es hier bei einigen Arten, z. B. dem König-Salomon-Zwergbarsch, Pseudochromis fridmani, schon mehrfach gelungen, die Nachzucht im Aquarium erfolgreich zu gestalten. Andere Barschartige sind wie die Mbunas des Malawisees Maulbrüter, jedoch im männlichen Geschlecht. Ein Paradebeispiel ist Pterapogon kauderni, ein Fahnenbarsch. Die Eier sind ausgesprochen groß, wie etwa bei Tropheus-Arten des Tanganjikasees. Natürlich ist die Eizahl gering, die Jungen dafür aber groß und ohne größere Schwierigkeiten aufzuziehen.

Diese Art der Vermehrung hat einen Nachteil: Die Art kann sich durch Verdriftung keinen größeren Lebensraum erobern. Tatsächlich kommt sie auch nur in einem sehr begrenzten Gebiet einer Insel vor. Sie ist also sehr stark gefährdet (speziell bei einer unkontrollierten Entnahme aus der Natur). Die Nachzucht von Pterapogon kauderni ist für die Meerwasser-Aquarianer Pflicht und gottlob auch durchaus möglich und schon etliche Male gelungen. Andere Maulbrüter dagegen produzieren erheblich große Eizahlen. Die Larven sind denn auch nach dem Verlassen des Mauls nur winzig und können von der Strömung verdriftet werden. Ihre Aufzucht bereitet die gleichen Futterprobleme wie bei den "Oberflächenlaichern".

Nach etlichen anderen Fortpflanzungsstrategien, z. B. beim Königs-Feenbarsch, Gramma loreto, bei dem das Männchen in einer Höhle in einem Nest aus Algenfasern (im Aquarium tun es auch Fasern von Filterwatte) den Laich von mehreren Weibchen sammelt, kam Joachim Großkopf auf seine Zucht von Anemonenfischen zu sprechen. In eindrucksvollen Bildern vom Ablaichen bis hin zu Jungfischpulks im Aufzuchtbecken demonstrierte er zum Schluss noch ein Mal sein großes Können. Der Applaus zeigte, wie beeindruckt wir alle – egal ob Süß- oder Meerwasser-Aquarianer – von diesem Vortrag waren. Nach dem Vortrag wurde noch viel diskutiert. Dieser Vereinsabend hat sich wiederum als ein Informationsquell für alle Anwesenden erwiesen. Wer nicht da war, hat viel versäumt.

 

 

Werner Schmettkamp