Pflanzen

In Aquarien kann man ständig interessante Vorgänge beobachten. Für die meisten Aquarianer ist es oft die Nahrungsaufnahme, das Balz - und Paarungsverhalten der Fische. Dass man aber auch an der grünen "Dekoration" seltene biologische Ereignisse beobachten kann, ist nur wenigen bewusst.

 

Blüten von Aquarienpflanzen sind in den meisten Aquarien eher als Seltenheit zu betrachten.

Das hat meiner Meinung nach unter anderem damit zu tun, daß die Aquarienbedingungen eher den Fischen angepaßt sind und die Pflanzen meist nur als Dekoration verwendet werden.

In nach oben offenen Aquarien kann man bei guten Lichtverhältnissen, und wenn man die Pflanzen ungestört wachsen läßt, Blüten erwarten. Diese bilden sich z.B., wenn sie auf der Wasseroberfläche fluten (z.B. die Cabomba - Arten) oder wenn sie ihre Blütenstände über der Wasseroberfläche bilden (z.B. Aponogetum - Arten).

Eine Vielzahl der häufig gehaltenen Aquarienpflanzen führen an den natürlichen Standorten eher eine amphibische Lebensweise. Dort leben sie zur Regenzeit meist submers, dies bedeutet eine dem Wasserstand angepaßte untergetauchte Lebensweise. In diesem Stadium bilden die meisten Pflanzen keine Blüten, und sie haben oft eine feinere und weichere Blattstruktur. Die Vermehrung in dieser submersen Phase ist häufig nur vegetativ durch Ableger oder Adventivpflanzen. In den Jahreszeiten mit geringerem Niederschlag sinkt der Wasserstand in den Gewässern, und die nun als Sumpfpflanzen, also emers wachsenden Pflanzen, bilden nun  Blätter, die der neuen Situation angepaßt sind. Diese haben oft eine stabilere Struktur als die submers wachsenden Blätter. Nun entwickeln sich auch die Blüten, die der generativen Vermehrung dienen.

Die Cryptocorynen (Wasserkelche) z.B. aus dem tropischen Süd- und Südostasien bilden röhrenförmige Blütenstände (Spatha), die an der Basis eine Verbreiterung (Blütenkessel) gebildet haben. In diesem einhäusigen Blütenkessel befinden sich die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane der Pflanze. Diese können sich aber gegenseitig nicht bestäuben. Hierfür benötigen sie fremde Unterstützung. Kleine Fliegen werden durch den aasähnlichen Geruch der Blüten angezogen und dringen durch die Röhrenöffnung (Spathaspreite) in die Blüte ein. Zu diesem Zeitpunkt sind nur die weiblichen Geschlechtsorgane der Blüte reif, und der von dem Insekt mitgebrachte männliche Pollen einer anderen Cryptocoryne bleibt an den weiblichen Narben kleben. Damit nun aber auch diese Fliege die Gene dieser Blüte verbreiten kann, mußte die Pflanze einen Trick entwickeln. Da die männlichen Blütenstände zum Zeitpunkt der Bestäubung der weiblichen Blüten noch nicht reif waren, verschließt die Pflanze ihre Blüte und verwehrt dem Insekt den Austritt. Nach ca. einem Tag öffnet sie dem unfreiwillig festgehaltenen Liebesboten wieder den Ausgang. Dieser hat sich nun bei seinem Aufenthalt mit schleimigen männlichen Blütenpollen beladen, die er nach dem Verlassen des Blütengefängnisses erneut zu einer anderen Cryptocorynenblüte transportiert, wo sich derselbe Vorgang erneut wiederholt.

Nun, diesen hoch interessanten biologischen Vorgang kann man, so glaube ich, nicht im Aquarium beobachten, jedoch lassen sich bei einer emersen Kultur von Cryptocorynen im geschlossenen Aquarium bei einer hohen Luftfeuchtigkeit und einen Wasserstand von wenigen Zentimetern eine Blütenbildung beobachten.

Bei Reinigungsarbeiten in meinem 300 l Pflanzenaquarium staunte ich deshalb nicht schlecht über eine plötzlich von mir entdeckte Blüte, einer braunen Form von Cryptocoryne wendtii. Hier musste dieser Pflanze wohl ein biologischer Irrtum unterlaufen sein ! Der Wasserstand hatte nämlich zum Zeitpunkt der Blütenbildung eine Höhe von ca. 45 cm. Laut der bekannten Autoren Bernd Greger " Aquarienpflanzen " und Frau Christel Kasselmann " Aquarienpflanzen " DATZ - Atlanten, gehören die Blütenstände von Cryptocorynen in einer submersen Haltung zu den Seltenheiten.


Was hat nun diese Cryptocoryne wendtii dazu veranlaßt, eine Blüte in einer Wassertiefe von ca. 40 cm zu bilden, die für eine erfolgreiche generative Vermehrung unzweckmäßig ist. In diesem Fall handelte es sich um eine gut entwickelte Mutterpflanze, die zu diesem Zeitpunkt sogar dabei war, sich vegetativ zu vermehren. Ich vermute, daß ich durch eine stärkere Veränderung in der Licht -, und Wasserbeschaffenheit bei dieser Pflanze einenReiz, also ein Signal ausgelöst habe, was zu einer Blütenbildung führte.

Um die Kultur von anspruchsvolleren Gewächsen in meinem 300 l Aquarium entscheidend zu verbessern, entschloß ich mich, eine moderne und hochwertige CO 2 - Anlage zu installieren. Diese versorgt nun dieses Pflanzenaquarium mit einer regelmäßigen und gleichbleibenden CO 2 - Konzentration von 1,5 gr./ 100 l Aquariumwasser. Eine installierte Nachtabschaltung verhindert eine übermäßige CO 2 - Abgabe während der Dunkelphasen. Diese Dunkelphasen sind mit einer Zeitschaltuhr so geschaltet, daß einer morgendlichen Beleuchtung von fünf Stunden eine Beleuchtungspause von zwei Stunden folgt. Mit dieser Pause symbolisiere ich eine natürliche Abdunkelung, wie bei einem Tropengewitter.


Dieser Dunkelphase folgt wiederum eine Beleuchtungsphase von sieben Stunden. Diese nun, so vermute ich, plötzliche Erhöhung und Gleichmäßigkeit der CO 2 - Konzentration vermittelte der Cryptocoryne wohl einen sinkenden Wasserstand, da der CO 2 - Gehalt in der Luft gewöhnlich höher liegt als im Aquariumwasser. Eine weitere Stimulation der Blütenbildung wird wahrscheinlich auch in der abrupten Veränderung der Aquariumbeleuchtung zu finden sein. Durch das komplette Auswechseln der vier 36 Watt Neonröhren und dem Einbringen einer neuen Lichtfarbe, wodurch  der spektrale Strahlungsfluß der blauen Lichtstrahlen (Wellenlänge ca.440 nm) mit einem Anteil von UV - Strahlen deutlich erhöht wurde, veränderte sich nicht nur deutlich die Lichtintensität sondern auch das Lichtspektrum. Auch durch diese Beleuchtungsverbesserung  könnte die Cryptocoryne wendtii irritiert worden sein. Am natürlichen Standort dringen die Lichtstrahlen, abhängig durch natürliche Begebenheiten, mit einer unterschiedlichen Intensität in das Gewässer ein. Je nach Jahreszeit erhöht oder senkt sich der Wasserstand. Bei steigendem Wasserstand nehmen auch die Schwebeteilchen im Wasser zu, was zu einer Trübung und automatisch zu einer Veränderung des Lichtspektrums führt. Auch die Blattdichte von den am Gewässerrand flankierenden Gehölzen, verändert sich im Turnus der Jahreszeiten. So werden z. B. bei einer hohen Blattdichte die kurzwelligen UV -, und Blau - Strahlungen von dem Blätterdach zurückgehalten, während die langwelligeren Gelb -, und Rotstrahlungen durch die Blätter der Bäume bis auf dem Gewässerboden gelangen können. Aufgrund dieser natürlichen Vorbilder vermute ich, daß durch die abrupte und starke Veränderung dieser beiden wichtigen Wachstumsfaktoren die Blütenbildung in der submersen Haltung aktiviert wurde.

 


Um Detailaufnahmen von dieser submersen Blüte zu erstellen, entnahm ich vorsichtig die blühende Cryptocoryne aus dem Becken. Hierbei konnte ich feststellen, dass die Blütenöffnung (Spathaspreite) so fest verschlossen war, dass man sie optisch nur erahnen konnte. Beim Öffnen des Blütenkessels mit einer Rasierklinge konnte ich mit meiner Überraschung auch feststellen, daß selbst Unterwasser keinerlei Wasser bzw. Feuchtigkeit in die Blüte eingedrungen war, denn die zarten männlichen Pollen waren vollständig erhalten und unbeschädigt.

Als Erklärung für dieses Verschließen der Spathaspreite, so nehme ich an, erkannte die Pflanze ihren Irrtum und schützte somit die weibliche Narbe sowie die männlichen Pollen vor dem eindringenden Wasser.

 

 

Nach der Entdeckung dieser einzelnen Blüte schenkte ich dieser und anderen Cryptocorynen Arten erhöhte Aufmerksamkeit. Jedoch konnte ich über einen Zeitraum von ca. sechs Wochen keinerlei Anzeichen für eine Bildung einer weiteren Blüte entdecken. Stattdessen nahm die vegetative Vermehrung durch Ableger von allen gehaltenen Cryptocorynen stärker zu als vor der Installation der CO 2 - Anlage und der Erneuerung der Beleuchtung.

 

Thomas Titz