Pflanzen

Liebhabern und Sammlern, egal auf welchem Interessengebiet, ist der Wunsch gemeinsam, Seltenheiten und mit Problemen behaftete Objekte ihres Bereiches zu besitzen und wenn möglich, alle im Zusammenhang damit stehenden Probleme selbstständig zu lösen. Bei dieser Zuordnung schließe ich mich nicht aus.

Als Aquarienpflanzenfreund, der in der DDR lebte und wusste, dass der Import von Aquarienpflanzen so gut wie unmöglich war, hatte auch ich ein verstärktes Bestreben, Pflanzen die "es nur in Literatur" gab, zu besitzen, zu pflegen und wenn möglich, zu vermehren.

 

Wie der Zufall oder das Schicksal es wollten, war auf einer Tagung der Aquarianer in Wernigerode, im Herbst 1988, auch ein Gast aus dem "Westen" anwesend, der einige Aponogeton-Knollen als Gastgeschenk mitbrachte und in mehrere Hände verteilte. Bei dem Gast handelte es sich um Herrn Gerd Eggers. Die Auslösung der Glückshormone, die bei mir einsetzte, als ich auch zwei Knollen von Aponogeton ulvaceus in die Hand bekam, weil ein anderer Aquarianer verzichtete, möchte ich nicht weiter erläutern.

Zu Hause angekommen, wurde noch einmal alle erreichbare Literatur zum Thema Aponogeton und speziell ulvaceus gewälzt, um keinen bekannten Fehler bei der Haltung und Pflege zu wiederholen. Danach setzte meine Logik ein. Da kamen die Fragen: Was könnte zu Schäden an meinen Aponogeton-Knollen führen, wie würden die Knollen die bekannte Ruhephase überleben? Kann die Pflanze, die oft als in weichem Wasser lebend beschrieben wurde, auch in meinem um 60 °dH schwankenden Wasser leben? Sollte das Wasser fließen, brauchen die Blätter Strömung?

Meine Vorstellungen zur Beantwortung meiner Fragen: Schäden können durch Pilze, Bakterien oder Viren verursacht werden - und ich kann sie alle nicht sehen, will sie aber vermeiden. Neue Frage: Bekämpfung chemisch? Aber womit? - Bekämpfung mechanisch? Gegen für mich Unsichtbare? Dann kam eine andere Frage zur Beantwortung der vorigen zu Hilfe. Fließendes Wasser strömt ja nicht nur, sondern es tauscht ständig große Wassermengen aus. Das müsste fortlaufend die Keimzahl verringern und die Infektionsgefahr niedrig halten. Nun die Ängste betreffs der Ruhephase. Es gibt nur 2 Möglichkeiten für ein Weiterleben der Knolle, entweder die Knolle gibt in der Vegetationsphase keine Nährstoffe ab, oder die Pflanze baut in der Zeit eine neue Reserveknolle auf. Die Schlussfolgerung für mich war - nährstoffreicher Bodengrund, täglicher Wasserwechsel ca. 90-95 %, sowie in der ersten Zeit (solange mein Vorrat reicht) mein Ausgangswasser mit bis zu 50 % Regenwasser verschneiden.

Vor dem Einpflanzen habe ich die Knollen eine Woche in einem ca. 3 l Wasser Behälter aufbewahrt, den ich drei oder vier Mal täglich gründlich reinigte und das Wasser erneuerte. Die Knollen habe ich bei jeder Wassererneuerung unter fließendem, gleich temperiertem Wasser aus der Wasserleitung mit einer alten Zahnbürste gründlich gereinigt.

Dann wurden die Neuankömmlinge in ein 1 m3 großes Becken, mit einem ca. 20 cm hohem kräftigem Bodengrund, eingepflanzt. Der Bodengrund bestand aus Baukies der Körnung 0,2-2 mm, dem nur geringe Mengen Gartenerde und Hochmoortorf sowie Spurenweise gut durchgegorene Rindergülle zugesetzt waren.

Den täglichen Wasserwechsel habe ich bis zur Reife der ersten Blüten eingehalten. Danach habe ich den Wasserwechsel bis zum Ende der Vegetationsperiode langsam bis auf zwei Mal wöchentlich reduziert.

Von diesen zwei Ausgangsknollen pflege ich noch heute direkte Nachkommen in der achten oder zehnten Generation. (Das Generationenzählen wird nach der vierten problemlosen Generation müßig) Nach Ende der Vegetationsphase habe ich die neu gebildeten Knollen aus dem Boden genommen, sie gründlich gereinigt und in einen Eimer mit Wasser getan, den ich kühl und im Bereich mit diffusem Licht aufstellte. In größeren Abständen (zwei bis drei Wochen) habe ich das Wasser zur Hälfte erneuert. Nach einigen Monaten waren die Knollen wieder bereit, um nach Änderung der Umweltbedingungen (einpflanzen in ein Aquarium) sofort kräftig auszutreiben.

Ein Problem, dass mir im Vorfeld aus der Literatur bekannt war, möchte ich nicht unberührt lassen. Es geht um die Kreuzbestäubung. Auf Grund meiner 2 Pflanzen hatte ich durch gleichzeitiges Blühen die Chance der Kreuzbestäubung, die mit einem feinen Tuschpinsel genutzt wurde. Sichtbar sehr gute Ergebnisse. Mein gesundes Misstrauen ließ mich, als ich die ersten Sämlinge hatte, die Notwendigkeit der Kreuzbestäubung anzweifeln. Das Ergebnis war, nach Einzelbestäubung jeder Pflanze mit unterschiedlichen Pinseln, der Kreuzbestäubung sehr ähnlich. Nachdem ich mich vor Sämlingen und Jungpflanzen kaum retten konnte, griff ich in den Bestäubungsvorgang nicht mehr ein, trotzdem entstanden noch bis zu 60 keimfähige Samen an einem Blütenstand. Ich möchte hiermit nicht in Abrede stellen, dass es Typen oder Standortvarianten gibt, die eine Kreuzbestäubung zwingend erforderlich machen. Meine Erfahrung, die ich auch mit Aponopeton ulvaceus aus anderen Quellen gemacht habe, geht dahin, dass die Pflanzen unter schlechteren Lebensbedingungen (mangelndes Nährstoffangebot und ausbleibender Wasserwechsel) weniger willig Frucht ansetzen.

Als Schlussresümee behaupte ich, Aponogeton ulvaceus ist bei der von mir beschriebenen Behandlung und Pflege eine über viele Jahre, attraktive, dankbare und leicht zu haltende Pflanze.

 

 

Rainer Münch