Süsswasserfische

Der angehende oder schon "fertige" Cichliden-Experte, stets auf der Suche nach neuen Arten, begibt sich auf die Reise: sein Ziel - ein Zoofachgeschäft. Nachdem er dort die Standardware kaum eines Blickes würdigt, erblickt er an einem Becken das Schildchen mit der roten Aufschrift "Buntbarsch-Neuheit". Der darunter angebrachte Preis spielt natürlich kaum eine Rolle. Er übersieht, dass der Aufkleber über den "Charakter" der Fische nichts verrät. Sein Entschluss steht fest: "Die muss ich haben!"

 

Zu Hause angekommen, wird die Neuerwerbung von der Familie begutachtet und anschließend in das schönste Aquarium gesetzt. Sein ganzes Interesse gilt jetzt den neuen Fischen! Er beobachtet wie sie die roten und schwarzen Mückenlarven, Tubifex, Fliegen, Maden und andere, für normale Menschen eklige, Sachen vertilgen.

Die Neuheit wächst heran und wird immer farbenprächtiger. Doch das ""dicke Ende" naht. Die Tiere beginnen sich gegenseitig umzubringen. Nun ist guter Rat teuer. In seinem Eifer mächtig gebremst, fängt der Cichlidenfreund an auf die Viecher zu schimpfen. Am liebsten möchte er sie allesamt hinauswerfen.

Sicher erinnert sich mancher sogleich an ähnlich Erlebnisse. Einige werden jedoch die Erfahrung gemacht haben, dass eine größere Anzahl gemeinsam aufgezogener Jungfische (Buntbarsche, Betta-Arten, Macropodus) bei eintretender Sexualreife im Aufzuchtbecken zwar Reviere bilden, aber nie im größeren Umfang Artgenossen töten.

Fängt man aber alle Tiere bis auf zwei bis drei Männchen heraus, ist bald die schönste Rauferei im Gange. Wie das in der Regel endet, kennen wir. Es erhebt sich nun die Frage: "Was sind die Gründe für ein solches Verhalten?" Um dies zu beantworten, muss man zunächst Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung anführen.

So beschäftigt sich dieser Wissenschaftszweig u. a. mit angeborenen Verhaltensweisen. Territorialen Fischen (wie die oben genannten) sind also das Kampfverhalten um ein Nahrungs- oder Brutrevier angeboren. Daher kämpfen sie arterhaltend und instinktiv gegen alle, die ihnen das Revier streitig machen. Doch benötigt diese Auseinandersetzung auch eine reaktionsspezifische Energie. Bei vielen Rivalen wird also entsprechend viel Energie verbraucht, oft mehr als der Organismus erzeugt. Es folgt dann keine Akkumulation mehr und die Aggressionen erlahmen auf ein Minimum. Hundert und mehr Kampffisch- oder Buntbarschmännchen leben dann in Eintracht zusammen. Verringert man aber die Stückzahl z. B etwas unter Zehn, nehmen die Kämpfe wieder zu. Im Experiment konnte man feststellen, dass die Pflege von zwei bis drei geschlechtsreifen Männchen auf Dauer ohne Verluste nicht möglich ist. Gibt man aber weitere drei hinzu, wird zwar immer noch gefightet, aber selten bis zum Tod. Schließlich tritt schon bei acht bis zehn etwa gleich großen Männchen wieder jener Zustand ein, der für den Betrachter äußerst attraktiv ist. Die wehrhaften "Ritter zeigen sich von ihrer prächtigsten Seite, spreizen ihre Flossen und Kiemendeckel und drohen sich an. Da sich die "Prügel" jedoch auf mehrere Kämpfer verteilen kann, wird keiner ernsthaft verletzt. Sehr vereinfacht dargestellt, geschieht folgendes: Während ein Rivale den anderen angreift und verfolgt, schwimmt ihm schon der nächste vor die "Nase". Dieser ist erneut ein Auslöser für sein Kampfverhalten und er wird heftig attackiert. Da aber erst nach einiger Zeit der Wiederaufladung von Energie der Ausgangspunkt wieder erreicht wird, erschlaffen nach und nach die Aktivitäten zur intensiven Revierverteidigung und die Flossen bleiben heil.

 

 

 

Lothar Zenner