Terraristik

Kauf einer Landschildkröte

Haben Sie sich auch überlegt, eine Landschildkröte als Heimtier zu kaufen? Na gut, aber vorher sollten Sie sich doch einige Aspekte gut überlegen, die für die artgerechte und gesunde Haltung dieser Tiere wichtig sind.

  

-Schildkröten sind keine Streicheltiere, die wie Meerschweinchen oder Hamster beliebig oft am Tag in die Hände genommen werden können, um Streicheleinheiten zu vergeben.

( Schildkröten sollten als wildlebendes Reptil betrachtet werden )

- Eine kleine Landschildkröte, wie sie oft in Zoofachgeschäften zu sehen ist, kann bis zu 30 cm und größer werden (je nach Art).

( Haben Sie den notwendigen Platz? )

- Europäische Landschildkröten sollten im Sommer bei warmen Temperaturen im Garten oder auf dem Balkon gehalten werden, weil sie die natürlichen Sonnenstrahlen (UV) für ihren Knochenaufbau brauchen und nur während den kühlen Jahreszeiten im Zimmer gepflegt werden. Nicht zu vergessen: Die Tiere müssen auch einen Winterschlaf halten, um ihren natürlichen Rhythmus nicht durcheinander zu bringen.

( Haben Sie einen sonnigen Garten oder Balkon? )

- Landschildkröten können nicht mit anderen Haustieren (Kaninchen, Hamster, etc.) zusammengehalten werden, da sie äußerst empfindlich auf Krankheitsüberträger reagieren (Würmer anderer Tiere könnten beispielsweise schon gefährlich werden).

( Nicht mit anderen Haustieren zusammenhalten! )

- Auch Schildkröten können sich nicht selbst überlassen werden. Täglich frisches Futter sowie das Sauberhalten der Unterkunft ist wichtig. Für Urlaubsvertretung mit Verantwortung muss gesorgt werden. Das Tier sollte immer sauber sein, nur dann haben Sie eine glückliche und gesunde Kröte.

( genügend Zeit und Verantwortung? )

- Ihr eventueller Pflegling kann bei guter Haltung 30 Jahre und älter werden. Ein älteres Einzeltier gewöhnt sich nach wenigen Jahren sehr an sein zu Hause und wahrscheinlich auch an seinen Halter.

( Leben möglichst in seiner gewohnten Umgebung )

- Obwohl Landschildkröten von Natur aus Einzelgänger sind, sollte man sie bevorzugt paarweise halten. Wenn eine Schildkröte nach langem Alleinleben mit anderen Artgenossen zusammen kommt, kann es Probleme geben, weil sie kein soziales Miteinanderleben kennt. Sie könnte bissig reagieren. Auf keinen Fall sollte man zwei Männchen zusammenhalten, da sie absolut unverträglich sind und die Streitigkeiten zum Tode führen könnten. Männchen und Weibchen oder Weibchen untereinander können gut zusammen gehalten werden.

( Paarweise Haltung wäre empfehlenswert )

- Frühzeitig nach einem guten Tierarzt umsehen oder Leute, die sich speziell mit (Land-) Schildkröten auseinandersetzen. Sehr viele Tierärzte kennen sich auf diesem Gebiet gar nicht aus.

( Tierarzt mit Kenntnis finden )

- Auf jeden Fall sollte man sich vorher Bücher über Landschildkröten besorgen, um sich in die Haltung und Lebensweise dieser Tiere hineinzuversetzen.

( Literatur vorher ist unerlässlich )

Dies waren einige Hinweise, die bei der Entscheidung zur Anschaffung eines solchen Tieres sicherlich hilfreich sind. Natürlich gibt es vieles, was man noch alles beachten muss. Deswegen ist unbedingt ratsam, vor der Anschaffung eines Tieres Bücher zu lesen und dann zu entscheiden, ob man für die schönen Panzertiere die notwendige Verantwortung, ... tragen möchte.

Alle europäischen Landschildkröten stehen unter Artenschutz und sind teilweise stark in ihren Beständen bedroht. Dies sollte man ebenfalls berücksichtigen.

Wenn Sie wirklich alle Gegebenheiten für eine artgerechte Haltung bieten können und zusätzlich das Engagement zu diesen Tieren haben, dann haben Sie mit Sicherheit ein schönes Hobby gefunden.

Sie sollten sich beim Kauf der Schildkröten viel Zeit lassen und die Tiere genau betrachten, um festzustellen, ob sie gesund aussehen (z.B. keine nasse Nase, verquollene/laufende Augen haben).

In vielen Zoofachgeschäften werden Jungtiere angeboten, die krank sind und dann evtl. nicht lange leben. Kaufen Sie Ihre Tiere nur in ordentlich geführten Geschäften. Achten Sie darauf, dass das Personal das nötige Fachwissen besitzt und die Tiere allgemein artgerecht und sauber untergebracht sind. Die beste Möglichkeit ist es, die Tiere direkt beim Züchter zu erwerben. Hier werden Sie einen Ansprechpartner meistens auch nach dem Kauf des Tieres haben, der Ihnen mit Rat und ... helfen kann.

Frank Giesen


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Hierzu folgen nun zwei Kommentare:

1. Kommentar: Til Ipser
2. Kommentar: Manfred Rogner



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Kommentar von Till Ipser, HTVÖ

(erschienen in "Du und Dein Aquarium") zum Bericht "Der Kauf einer Landschildkröte" von Frank Giesen.

Zwei Punkte des Artikels sind als problematisch bis tierquälerisch zu bezeichnen und führen, wenn man sie befolgt, oft zum Tode des Tieres.

1) Paarweise Haltung wäre empfehlenswert

Die paarweise Haltung von den meisten Landschildkröten ist als tierquälerisch zu bezeichnen und führt nach oft jahrelangem Martyrium des Weibchens in vielen Fällen zu dessen Tod (andauernder Stress). Ausnahmen gibt es natürlich gelegentlich - Beobachtungen sind unerlässlich! Immer wieder lese ich die irrige Meinung über paarweise Haltung oder vermisse die Forderung nach zumindest zeitweiser Geschlechtertrennung in Artikeln und Büchern über Schildkrötenhaltung. Da ich seit 25 Jahren Schildkröten pflege und bei meinen "alteingesessenen" Tieren keine Ausfälle habe, bringt man mir immer wieder kranke, nicht fressende Tiere. Manchmal sind es Weibchen, die mit einem Männchen in einem zu kleinen Areal gepflegt werden.

Oft werde ich dann auf solche Artikel oder auf das Argument einer jahrelangen "erfolgreichen Haltung" verwiesen. Bedenken wir, dass eine Schildkröte durchaus jahrelang dahinsiechen, sprich sterben kann. Beobachten wir die Populationsdichte und Strukturierung eines natürlichen Landschildkrötenhabitats - ein bedrängtes Weibchen ist nach einem kurzen, schnellen Davonlaufen für das meist aggressiv werbende d. h. beißende und schlagende Männchen nicht mehr erreichbar.

Ein extremes Beispiel: Vor einem Jahr brachte mir ein durchaus bekannter Aquarianer ein völlig zerbissenes und abgemagertes Weibchen (Testudo hermanni boettgeli), das nicht mehr fraß. Seit zwölf Jahren hielt er das Tier. Ursprünglich waren es vier Tiere (2/2), dann starb das eine Weibchen, er kaufte ein Pärchen nach .... In der Zwischenzeit hatte er nun sieben Männchen und noch eben dieses unglaublich harte Weibchen. In der Folge zeigte er mir einen dieser Artikel über paarweise Haltung einer bekannten Tierschutzorganisation. Klartext: Wenn eine Schildkröte krank ist, braucht sie Gesellschaft!

Eben kranke Tiere müssen unter optimalen Bedingungen allein gehalten werden!

Ich vermute sogar, dass es einen Zusammenhang zwischen Stress (pärchenweise Haltung oder zu große Dichte der Individuen) und dem allgemein gefürchteten Schnupfen von Landschildkröten gibt.

Besonders masurische Landschildkrötenmännchen (Testudo graeca) sind höchstens für einige Tage zu den Weibchen zu geben, da sie durch andauerndes Beißen und auch Schlagen gegen den Panzer sogar blutige Verletzungen verursachen können.

Eine Vergesellschaftung ist überhaupt nur je nach Temperament des Männchens mit mehreren Weibchen in einem sehr großen Areal zu empfehlen.

Die Aussage "Auf keinen Fall sollte man zwei Männchen zusammenhalten, da sie absolut unverträglich sind und die Streitereien zum Tode führen können" kann man so nicht stehen lassen. Festzustellen ist, dass bei bestimmten Arten, so z. B. bei der häufig gehaltenen Griechischen Landschildkröte ein Rudel von Männchen schon nach kurzer Zeit völlig aggressionslos sehr gut miteinander leben können. Erst das Dazusetzen von Weibchen löst Rivalitätskämpfe aus.

2) Die Tiere müssen einen Winterschlaf halten

Falls diese Aussage absolut genommen wird, ist sie todbringend. Europäische Tiere sollen einen Winterschlaf halten, wenn sie gesund sind.

Jungtiere sollen je nach Größe und Kondition einen kurzen oder gar keinen Winterschlaf halten. So auch leichtgewichtige, kranke oder frisch erworbene Schildkröten - das Risiko ist zu groß.

Unterschiede gibt es natürlich auch bei Arten und Unterarten. Bei einer Testudeo graeca ist z. B. größte Vorsicht angebracht und im Zweifelsfall eine Terrarienhaltung vorzuziehen.

Till Ipser

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Anhang zum Kommentar von Till Ipser
von Gerhard Schaffer, Beirat für Artenschutz der Schildkrötenfreunde Österreichs

Im Namen der Schildkrötenfreunde Österreichs schließe ich mich vollinhaltlich den Ausführungen des Herrn Ipser an. Einzeln gehaltene Tiere zeigen weder Symptome von Vereinsamung noch andere "menschliche Probleme". Ein Beispiel dazu sind zwei Tiere, die uns in letzter Zeit bekannt wurden. Es handelte sich dabei um ein Weibchen von Testudo marginata (Rekordmaß 40,3 cm und 8,15 kg) und einer Testudo hermanni boettgeri, die im Laufe des zweiten Weltkrieges mit der Feldpost als Babys nach Österreich kamen. Beide Tiere wurden ihr Leben lang einzeln gehalten und erreichten diese Rekordgrößen.

Ich möchte hier keinesfalls ein Plädoyer für Einzelhaltung halten, eine erfolgreiche, artgerechte Haltung sollte sich in einer erfolgreichen Nachzucht widerspiegeln. Ein kontrolliertes Zusammensetzen im Frühjahr, das einmal wöchentlich erfolgen kann, genügt, um eine Paarung zu erreichen. Ein paarungsbereites Weibchen lässt diese Paarung auch innerhalb kürzester Zeit (meist nach einigen Scheinfluchten) zu. Ein nicht bereites Weibchen flieht vor paarungswilligen Männchen. Ist nun das Gehege zu klein, kann das Weibchen innerhalb kurzer Zeit massive Verletzungen davontragen.

Dies verschlimmert sich bei einer Überzahl von Männchen. Es kann aber auch passieren, dass auch bei mehreren Weibchen ein Weibchen bevorzugt wird und erheblichem Stress und Verletzungen ausgesetzt ist. Ein weiterer Vorteil der Geschlechtertrennung ist, dass das Weibchen über den Sommer unbehelligt Substanz auffuttern kann, um im darauf folgenden Jahr eine bessere Eientwicklung zu erzielen.

Kurz möchte ich auf ein Problem hinweisen, das schon vielen Tieren das Leben gekostet hat. Wenn Sie eine Gruppe von Tieren in Ihrem Besitz haben, seien Sie vorsichtig mit der Aufnahme weiterer Tiere in Ihren Bestand. Auch wenn es nur als Urlaubsvertretung ist. Schon oft wurden Tiere, die äußerlich gesund erschienen, als latente Träger von Seuchen zu gesunden Tieren gegeben, mit dem Erfolg, dass dann dieses Tier das einzige überlebende bleibt. Eine ausreichende Quarantäne, die am besten nicht nur im Gehege, sondern auch räumlich getrennt ist, erscheint mehr als ratsam. Eine veterinärmedizinische Untersuchung kann eine gewisse Sicherheit bringen, aber leider keine absolute. Ich selbst halte und züchte seit über zwanzig Jahren Schildkröten.

Gerhard Schaffer

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Anmerkungen von Manfred Rogner zum Thema
„Der Kauf einer Landschildkröte“

Die Kritik der Österreicher ist zum Teil richtig. Eine paarweise Haltung kann durchaus funktionieren, wie ich bei meinen Glattrand-Gelenkschildkröten, Kinixys belliana, seit Jahren erlebe. Andererseits ist eine Gruppenhaltung bei Schildkröten (ein Männchen, drei oder vier Weibchen) wesentlich artgerechter. Besitzt man gleich viele oder mehr Männchen als Weibchen, sollte man die Geschlechter getrennt halten und nur zur Paarungszeit in dem erwähnten Geschlechterverhältnis kontrolliert zusammensetzen.
Eine Einzelhaltung von Landschildkröten halte ich nicht für erstrebenswert, da sie dann viele Verhaltensweisen nicht ausleben können.
In der Natur leben Landschildkröten gewöhnlich innerhalb einer größeren Gemeinschaft (Population) und begegnen sich immer wieder einmal. Natürlich bestehen in der Natur auch völlig andere Möglichkeiten, sich aus dem Wege zu gehen. Von einzeln gehaltenen Landschildkröten ist mir bekannt, dass sie manchmal eine "Macke" entwickeln. So beschäftigte sich ein etwa 20 Jahre allein gehaltenes Männchen sehr oft mit einem alten Schuh (einschließlich Paarungsversuche). Nachdem ich das Tier in eine Gruppe integriert hatte, verlor sich das Interesse an dem Schuh sofort.
Gesunde Landschildkröten aus gemäßigten Breiten sollten ihrem klimatischen Jahresrhythmus entsprechend unbedingt eine „Winterruhe“ (richtiger: Winterstarre) einhalten.Die Testudo-Arten und -Unterarten aus Nordafrika gehören aber zum Beispiel nicht dazu. Bei ihnen kann die Winterruhe ebenso zum Tode führen wie bei erkrankten europäischen Landschildkröten, denen man eine Winterruhe aufzwingt!