Die Haltung von Wandelnden Blättern, Stab- und Gespenstschrecken

Insekten haben es zu einem bemerkenswerten Arten- und Formenreichtum gebracht, der alle anderen Tierklassen in den Schatten stellt. Die kleinen Krabbler haben es geschafft, alle Lebensräume zu erobern. Einige Spezialisten kommen sogar im ewigen Eis der Arktis, auf der Oberfläche der Ozeane und den Gipfeln des Himalajas zurecht. Die weitaus größte Artenvielfalt findet sich jedoch in den tropischen Regenwäldern. Aus diesen stammen auch viele der farbenfrohen und skurrilen Arten, die neben der Wissenschaft in letzter Zeit auch immer mehr Hobbyentomologen ihre Aufmerksamkeit schenken. Bunt schillernde Riesen- und Rosenkäfer, lauernde Fangschrecken, Blattschneider Ameisen, gefräßige Heuschrecken oder die perfekt getarnten Stab- und Gespenstschrecken und sogar Schmetterlinge, lassen sich oft auch mit einfachen Mitteln im heimischen Wohnzimmer halten, vermehren und sind lohnende Studienobjekte.

 

Die Ordnung Phasmatodea- Phasmiden

Obwohl sie eigentlich mit "nur" 2500 Spezies eine eher winzige Insektenordnung darstellen (zum Vergleich; es gibt ca. 400.000 verschiedene beschriebene Käferarten), so hat doch fast jedes Kind schon einmal eine der äußerst skurrilen Stab- oder Gespenstschrecken und faszinierenden tropischen Insekten in der Schule, im Zoologischen Garten oder einem Schmetterlingspark bestaunen können.

Der Name Phasmatodea (oder eingedeutscht: Phasmiden), leitet sich von dem griechischen Wort "Phasmos" ab, was soviel bedeutet wie Phantom oder Gespenst. (Daher auch der Deutsche Name Gespenstschrecken). Und dies ist vermutlich auch die zutreffendste Beschreibung für diese Tiere. Ihre Tarntracht ist geradezu perfekt um mit ihrer unbelebten Umgebung zu verschmelzen. Die Tiere ahmen Zweige und Äste, Grashalme, moosbewachsene Rinde oder lebendes und verdorrtes Laub nach.

Alle Phasmidenarten sind ausnahmslos harmlose Vegetarier und häufig ist ihre Tarnung ihr einziger, wenn auch sehr effektiver, Schutz vor Fressfeinden. Aus diesem Grund sind die meisten Arten, bis auf wenige Ausnahmen nacht- und dämmerungsaktiv. Am Tage hängen sie bewegungslos im Geäst und werden erst in der Dämmerung munter um sich durch das Laub der Bäume zu fressen, sich zu paaren, zu häuten oder ihre Eier abzulegen. So wird das Risiko, doch entdeckt zu werden minimiert. Offensichtlich ist diese Überlebenstaktik trotzdem außerordentlich effektiv, denn die meisten Arten wachsen zu außergewöhnlichen Größen heran. Auch die längsten Insekten der Welt, die Stabschrecken der Gattung Pharnacia und Phoebaeticus mit über 30cm Kopf-Rumpflänge sind Phasmatodea.. Gespenstschrecken finden sich in fast allen tropischen und subtropischen Regionen, führen jedoch ein solch verstecktes Leben, dass man sie in der Natur kaum einmal zu Gesicht bekommt und eine Vielzahl an Arten, noch immer wissenschaftlich unbeschrieben sind. Dennoch werden es immer mehr und viele werden bereits von Insektenliebhabern gehalten und im Terrarium nachgezüchtet.

Haltung:

Je nach Vorkommen und ursprünglicher Lebensweise können sich die Haltungsansprüche von Art zu Art natürlich stark unterscheiden. Dennoch gibt es einige Grundansprüche, die für alle Arten selbstverständlich gewährleistet werden sollten. Phasmidennymphen (Larven der Phasmiden) wachsen durch Häutung. Dazu müssen sie sich kopfüber an einem Zweig aufhängen um aus ihrer zu klein gewordenen alten Haut (Exuvie) zu schlüpfen. Hierzu ist natürlich ein gewisses Maß an Raum von Nöten, weshalb dass Terrarium mindestens die dreifache Höhe des adulten (erwachsenen) Tieres haben sollte. Ebenso muss ein Überbesatz vermieden werden, damit die Tiere sich nicht gegenseitig stören. Zur Haltung eignen sich verschiedenste Behältnisse und es ist Einfallsreichtum gefragt. Umgebaute, ausgediente Aquarien, Haushaltsboxen oder ähnliches, können ebenso gut geeignet sein wie Handelsübliche Terrarien aus Plastik oder Glas.

Die Behausung sollte allerdings den Feuchtigkeitsbedürfnissen der Arten Rechnung tragen. Arten aus trockenen Regionen wie dem Mittelmeerraum (z.B: Bacillus rossii), Australischen Trockenwäldern (z.B. Extatosoma, Eurycnema), oder Grasland (z.B. Carausius, Gratidia), bevorzugen eine luftige trockene Atmosphäre und werden am besten in einem zum großen Teil mit Gaze bespannten Raupenkasten gehalten. Arten mit einem höheren Feuchtigkeitsbedürfnis, z.B. jene aus den Krautregionen der tropischen Regenwälder (z.B. Heteropteyginae, Eurycantha) hinge-gen, können in fast vollständig geschlossenen Behältern in welchem die Luftfeuchtigkeit konstant hoch ist gehalten werden, jedoch muss man hier auf Schimmel achten. Die meisten der für Einsteiger geeigneten Arten sind mit einer Luftfeuchtigkeit von 60-70% zufrieden. Dies erreicht man, in dem man einen Behälter an einer Seite mit Gaze bespannt, und jeden Abend das Innere des Käfigs mit Hilfe eines Wasserzerstäubers für Blumen mit Wasser besprüht. Für die meisten Arten ist Zimmertemperatur (20°C) absolut ausreichend und eine zusätzliche Heizung nicht notwendig.

Der Boden des Behälters kann schlicht mit Küchenpapier ausgelegt werden, was das Reinigen des Käfigs und das Absammeln der Eier zwar erleichtert, aber nicht sehr dekorativ aussieht.

Normale Blumenerde ist nicht zum Auslegen des Terrariums geeignet, da sie zu viele Salze enthält, welche den Eiern schaden. Sehr gut kann man jedoch Sand oder Kokostorf als Substrat verwenden. Dieser speichert die Feuchtigkeit und bietet ein gutes Eiablagemedium für jene Arten, die ihre Eier des Nachts vergraben.

Ernährung:

Wie bereits erwähnt, ernähren sich alle Phasmatodea phytophag (vegetarisch), sind aber keine außerordentlichen Futterspezialisten wie viele Schmetterlingsraupen. In ihren natürlichen Habitaten ernähren sich die Tiere meist von den Blättern verschiedener Bäume. Auch bei Zucht kann man eine Vielzahl unterschiedliche Pflanzen anbieten. Oft eignen sich Pflanzen der Rosacea-Familie und besonders Brombeere ist bei Phasmidenzüchtern eine beliebte Futterpflanze, da leicht zu Sammeln und in der Regel wintergrün. Für viele Arten eignen sich aber auch Eiche (Quercus spp.), Rose (Rosa spp.), Hasel- und Walnuss, Weißdorn, Feuerdorn (Pyracantha spp.), Johanniskraut (Hypericum spp.), verschiedene Prunus Arten und die Blätter der meisten Obstbäume. Manche Arten akzeptieren sogar Efeu (Hedera spp.), Liguster (Ligustrum spp) und Flieder (Syringa spp.) sowie Farne. Nur wenige Arten sind wirkliche Futterspezialisten.

Die Futterpflanzen können als Zweige geschnitten und in einer Vase in den Käfig eingebracht werden So halten sich die Zweige bis zu zwei Wochen und dienen den Tieren gleichzeitig zum Klettern und als Ruheplatz.

Aufzucht und Vermehrung:

Da die meisten Arten kaum länger als 1-2 Jahre leben, ist es wünschenswert, die Tiere zu vermehren und über längere Zeit einen Zuchtstamm zu behalten. Dies ist bei vielen Arten glücklicherweise einfach und passiert, wenn sich die Tiere wohl fühlen, fast von selbst. Manche Arten benötigen zur Vermehrung nicht einmal Männchen. Die Weibchen legen unbefruchtete Eier, aus denen nach einiger Zeit weibliche Nachkommen schlüpfen, die genetisch mit ihrer Mutter identisch sind. Ein Phänomen, das man auch bei anderen Insekten findet und als Jungfernzeugung oder Parthenogenese bezeichnet. Bei manchen Arten kommen gar keine Männchen vor und die Zuchten sind ausschließlich parthenogenetisch, die meisten Arten können sich jedoch auf zweierlei Weise fortpflanzen. (z.B. Carausius morosus, Ramulus artemis).

Je nach Art werden die Eier auf verschiedene Weise abgelegt. Die meisten lassen die Eier einfach unter sich fallen oder schleudern sie mit einer kraftvollen Bewegung des Abdomens (Hinterleibs) weit davon. Die Eier liegen meist auf der Oberfläche des Substrats und können einfach aufgesammelt werden. Einige Arten vergraben ihre Eier im Boden. Die Weibchen dieser Arten tragen oft einen schnabelartigen Legestachel (Ovipositor) mit dem sie die Eier tief in den Boden stechen. Solche Arten (z.B. Heteropterigynae, Eurycantha) benötigen mindestens 10cm tiefes Substrat um ihre Eier zu vergraben. Entweder man nutzt Torf oder Sand als Bodenbedeckung, oder man stellt den Tieren, sobald sie geschlechtsreif sind, eine Schüssel mit Substrat zu Verfügung. Die dritte Gruppe klebt oder sticht ihre Eier an Blätter oder Borken, wo sie bis zum Schlupf verbleiben.

Bis zum Schlupf können die Eier entweder an Ort und Stelle belassen werden, bei den klebenden Eiern empfehlenswert, oder abgesammelt und separat gezeitigt werden. Zur separaten Zeitigung überführt man die Eier in Behälter die mit feuchtem Sand, Torf oder Küchenpapier ausgelegt sind und hält sie warm. Es sollte immer kontrolliert werden, damit die Eier nicht austrocknen oder schimmeln. Die Entwicklung der Eier kann verhältnismäßig lange dauern. Im Schnitt ca. 3 Monate, einige Arten benötigen aber 6 Monate bis zu einem Jahr. Während dieser Zeit ist Geduld gefragt. Zum Schlüpfen drückt die kleine Larve den Deckel seines Eies hoch und startet in die Welt.

Nach einigen Wochen eifrigen Fressens, wird sich die kleine Nymphe das erste Mal häuten. Hierbei sollte sie auf keinen Fall gestört werden, da es ein äußerst kritischer Lebensabschnitt ist. Diese Prozedur wird noch 5 (Männchen) bzw. 6 Mal (Weibchen) wiederholt, bis das Tier ausgewachsen ist. Wie für Insekten mit hemimetabolen (unvollständigen) Verwandlung typisch, ähnelt die Nymphe der Imago stark, besitzt jedoch niemals Flügel. Diese werden erst mit der letzten Häutung ebenso wie die Geschlechtsorgane entwickelt. In der Häutung können die Nymphen Gliedmassen regenerieren, die manche Arten all zu leicht aus Schreck abwerfen (Autotomie). Jedoch ist auch eine Stabschrecke mit nur noch 3 Beinen meist gut lebensfähig und kann sich geschickt durchs Geäst hangeln. Wächst ein Bein nach, so wird es zuerst in Form einer Beinknospe zu erkennen sein, die sich nach weiteren Häutungen zu einem vollständigen neuen, wenn auch kleinerem Bein entwickelt.

Gefährlichkeit und Vergesellschaftung:

Zwar sind die meisten Arten ausgesprochen friedlich und außerordentlich harmlos, jedoch gibt es einige Spezies, die besondere Achtung verlangen. Viele der großen Gespenstschrecken Arten (Extatosoma, Heteropteryx, Eurycantha) besitzen kräftige bedornte Hinterbeine die sie einsetzten um sich zu verteidigen.

In Drohhaltung werden sie weit gespreizt und schnell klappmesserartig wieder zusammengezogen um den potentiellen Angreifer einzuklemmen. Auch an der Hand des Pflegers kann dies unter Umständen blaue Flecken und blutige Kratzer hinterlassen. Die schwer bewaffneten Männchen der Spezies Eurycantha calacrata tragen so auch untereinander Kämpfe um die Weibchen aus.

Einige Arten versprühen bei Störung übel riechende Wehrsekrete. Bei vielen sind diese bis auf den eigenartigen Geruch harmlos, aber insbesondere die Arten der Unterfamilie Pseudophasmatinae (z. B. Gattungen Anisomorpha, Malacomorpha, Pseudophasma...) und der Gattung Oreophoetes (z. B. O. peruanas- Farnstabschrecke), können mit ihrem Wehrsekret Husten, Reizungen der Augen und Schleimhäute, sowie heftiges Niesen verursachen und sind mit besonderer Vorsicht zu behandeln (daher nichts für Anfänger oder Kinder)

Besonders die größeren Arten sollte man auch in Zucht von anderen getrennt halten, da sie all zu leicht kleinere Mitbewohner niedertrampeln oder gar versehentlich anfressen. Die meisten kleineren Arten sind jedoch problemlos zu vergesellschaften, wenn sie ähnliche Bedürfnisse haben und ihre Behausungen groß genug sind.

Ebenfalls sollte man Phyllium-Arten (Wandelnde Blätter) von anderen Arten getrennt halten, da sie so perfekt in ihrer Umgebung getarnt sind, so dass es all zu leicht geschehen kann, dass sie mit einem Futterblatt verwechselt und versehentlich angefressen werden.

Zusammenfassung:

In jedem Fall lohnt es, sich mit Insekten nicht nur im Rahmen einer Futtertierzucht auseinander zusetzen, da es zumindest mich immer wieder auch nach Jahren noch erstaunt, mit welch vielfältigen Verhaltensweisen die ungewöhnlichen Hausgenossen noch überraschen können. Mit diesen oft anspruchslosen Pfleglingen holt man sich zudem ein Stück Natur ins Haus und bekommt einen Einblick, welche große Diversität das Leben auf unserem Planeten zu bieten hat.

Wegen ihres ruhigen und friedlichen Wesens, ihres skurrilen Aussehens und ihren oft einfachen Bedürfnissen eignen sich Stab- und Gespenstschrecken sehr gut für die Haltung im Terrarium für Einsteiger oder Kinder. Sie sind zudem gute Botschafter, um den Menschen die faszinierende Welt der kleinen Krabbler nahe zu bringen und helfen Vorurteile abzubauen.

 

 

Timm Reinhardt